Der vorhergesagte Strebbruch

Aus Sagenhaftes Ruhrgebiet

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"Schachtzeichen" im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres RUHR2010 am ehemaligen Standort der Zeche Dannenbaum

Mein Vater war mit 14 Jahren auf der nicht weit von seinem Elternhause entfernt gelegenen Zeche Dannenbaum als Pferdejunge angefangen. Das war damals bei den Bergmannsfamilien so üblich. Wenn ein Junge aus der Volksschule entlassen wurde, dann hieß es, so schnell wie möglich Geld zu verdienen, denn meistens waren ja noch eine größere Anzahl Geschwister mit zu versorgen. Da war jeder Mitverdiener sehr willkommen. Große Auswahl an Arbeitsplätzen war damals auch nicht vorhanden und vielfach machte man sich auch gar nicht die Mühe, an vielen Stellen nachzufragen. So wurde fast immer das Nächstliegendste genommen. Der Vater war Bergmann, also wurde der Sohn es ebenfalls. Das war dann schon eine beschlossene Sache, die gar nicht weiter erörtert werden brauchte. Oft nahm dann sogar der Vater seinen soeben schulentlassenen Sohn zur ersten Schicht mit in den Schacht und brachte ihm auch zuerst die elementarsten Begriffe bei. So war mein Vater dann 1897 erst einige Wochen als Pferdejunge beschäftigt, als diese Geschichte geschah. Auf dem Wege zur Arbeit schon sprach ein aktiver Hauer recht gedrückt und machte auch einen sehr niedergeschlagenen Eindruck. Da jeden Tag dieselben Kumpels denselben Weg zurücklegen mußten, kannte man sich gegenseitig sehr gut und den anderen fiel es bald auf, daß der Emil nicht so munter war, wie sie es sonst von ihm gewohnt waren. Natürlich wurde er gefragt, was ihm fehle, doch lange Zeit wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich meinte er jedoch, er glaube, es gehe heute nicht gut ab. Verblüfft wollten die anderen den Grund seines Pessimismus wissen und versuchten, mit Scherzen die Sache abzutun. Davon aber wollte der Emil nichts wissen und todernst berichtete er, er habe erstens ein so komisches Gefühl und überdies habe er im Morgengrauen einen so seltsamen Traum gehabt. Er habe einen ineinander gestürzten Streb gesehen, und aus einem Steinhaufen habe sein Kopf hervorgeschaut. Ganz deutlich habe er auf seiner Stirn eine lange, blutige Schramme gesehen und von der Schläfe sei ein dünner Blutfaden in die Steine gelaufen. Allgemein war man der Ansicht, der Emil spinne und man riet ihm, er solle sich nur keine grauen Haare wachsen lassen, er lache am Schichtende selbst über sich. Ein alter Bergmann aber soll ihnen warnend geraten haben, den Spott sein zu lassen, vielleicht sei ihnen vor Schichtende ganz und gar nicht mehr nach Lachen zumute. Man fuhr wie gewöhnlich ein, aber schon nach knapp zwei Stunden ging die Kunde durch den Schacht, im Flöz Mausegatt sei ein Strebbruch gefallen, drei Kumpels seien verschüttet gewesen, zwei von ihnen habe man ohne die geringsten Verletzungen bergen können, nur der Emil lebe nicht mehr, weil ihm ein kleiner Stein die Schläfe eingedrückt habe. Es stellte sich dann heraus, daß überraschend das Hangende hereingebrochen sei, so daß die dort gerade anwesenden drei Bergleute, die an und für sich dort gar nichts zu suchen hattet, nicht mehr weglaufen konnten. Die beiden Unverletzten hatten großes Glück, weil sich ein sehr großer Stein mit dem Holzausbau in eine Ecke geklemmt hatte und so einen nicht sehr großen, aber ausreichenden Hohlraum für die beiden herstellte. Der Emil aber war bis zum Kopf verschüttet und lebte schon beim Eintreffen der Retter nicht mehr. Über seiner Stirn sei eine große und blutige Schramme gewesen und aus seiner Schläfe sei ein dünner Blutfaden in das Gestein gelaufen. Also hatte sich das Traumbild sehr bald verwirklicht. Mein Vater meinte, daß er seitdem anders von diesen Ahnungen dächte als vordem.

Anmerkungen

Die Sage wurde Herrn Schmidthaus aus Bochum-Laer von seinem Vater (* 1883 in Querenburg) erzählt. Streb: Kohleabbauraum. Pferde wurden Untertage zum Transport eingesetzt. Hauer sind Bergarbeiter, die vormals die Kohle aus dem Flöz (kohleführende Schicht) mit Schlägel und Eisen »heraushauten«. Das Hangende: Die Gesteinsschichten unmittelbar über dem Flöz (= kohleführende Schicht). Zeche Dannenbaum in Laer (1780-1960) lag auf dem Gelände des Opelwerk I. an der Dannenbaumstr. 63 steht noch ein von Opel weitergenutztes ehemaliges Verwaltungsgebäude der Zeche.

Zeche Dannenbaum (WGS 84: 51.469117° 7.25785°)

Literaturnachweis

  • Sondermann, BS, 187–189 (nach Karl Schmidthaus, schriftliche Aufzeichnung Nr. 2081 vom März 1962, 3–5 im Archiv für Westfälische Volkskunde in Münster)


Hier finden Sie: Zeche Dannenbaum (51.469117° Breite, 7.25785° Länge)

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Dieser Text wurde folgendem Buch von Dirk Sondermann entnommen:

Ruhrsagen. Von Ruhrort bis Ruhrkopf.
Bottrop: Henselowsky Boschmann Verlag, 2005
ISBN 3-922750-60-5.





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